SCHWEIZ SVP PARTEIPROGRAMM

Blocher will die ganze Schweiz

Lange hat Peter Bichsel (75) geschwiegen – jetzt spricht der grösste lebende Dichter der Schweiz Klartext: Bei der Ausschaffungsinitiative gehe es nicht primär um die Ausländer, es gehe um den Sieg der SVP. Denn die Blocher-Partei wolle die absolute Mehrheit in der Schweiz.

Das sagt er in einem Interview der “workzeitung”

Ich finde seine Aussage bemerkenswert und mutig. Bichsel hält uns einen braunen Spiegel vor Augen. Und er sagt uns die Zukunft des Patriotismus voraus. Hier einige gekürzte Auszüge (das ganze Interview hier)


Peter Bichsel:
Die SVP funktioniert Abstimmungen zu Wahlen um. Bei ihren Initiativen geht es nicht primär um den Inhalt der Initiativen, sondern um die Wahl der SVP. Die Abstimmung selbst ist die Wahl. Und der SVP ist jedes Mittel recht, diese Wahl zu gewinnen. Denn die Blocher-Partei will den Erfolg. Sie will die absolute Mehrheit in der Schweiz. Und was dann geschehen würde, können wir erahnen. Das macht mir wirklich Angst. Ich fürchte, die SVP ist dabei, unsere Demokratie auszuhebeln. Und ich habe den Eindruck, dass das auch ihr Ziel sei.

Was würde denn geschehen, wenn die SVP die absolute Mehrheit hätte?
Sehr viel. Wir gehen alle davon aus, dass Menschen in aller Welt an der Demokratie interessiert sind. Doch die Demokratie ist nicht selbstverständlich. Sie wird benützt, auch zu undemokratischen Zwecken. Bis jetzt ist das in der Schweiz nicht passiert, weil sich alle politischen Kräfte Mühe gegeben haben mit der Demokratie. Aber nun hat sich das geändert. Die SVP nützt die Demokratie aus, um sie zu relativieren, d.h. sie auf Abstimmungen zu reduzieren. Wir haben kein Grundgesetz, wir haben keine Grundrechte, die verbürgt sind wie in jeder anderen liberalen Verfassung. Es steht also alles zur Verfügung. So wie es SVP-Präsident Toni Brunner sagt: Demokratie sei, wenn man über alles abstimmen könne. Demokratie ist aber mehr als nur: «Wir stimmen ab.»

Ich sag es immer wieder: Patriotismus ist etwas Verbrecherisches. Und wenn ich das irgendwo sage, sagt der andere: Du meinst wohl Nationalismus. Ich kann da beim besten Willen keinen Unterschied sehen. Offensichtlich ist Patriotismus, wenn ein Schweizer völlig überzeugt ist von der Schweiz. Ist ein Deutscher völlig überzeugt von Deutschland, dann ist es Nationalismus. Nationalismus ist also der Patriotismus der anderen. Das wäre der einzige Unterschied. Patriotismus ist eine Religion. Und Völkerkriege sind immer Religionskriege. Man erklärt das Vaterland zur Religion und zieht im Namen Gottes in den Krieg.

Als Blocher würde ich jetzt sagen: Aber Herr Bichsel, die Schweiz hat ein riesiges Ausländerproblem, und Sie dozieren irgendwelches Intellektuellenzeug. Typisch SP, sie will die Überfremdung der Schweiz einfach nicht wahrhaben!
Ich habe noch jene Zeiten erlebt, da es nur eine Sorte Ausländer gab in der Schweiz. Das waren die Italiener. Die sind damals noch mehr beschimpft worden als heute die Jugoslawen. Die Linke in Solothurn machte damals ein Ausländerfest. Wir luden die Italiener ein und feierten mit ihnen zusammen. Die Leute in der Stadt fanden das grauenhaft. Sie beschimpften uns und die «Sautschinggen». Dieses Fest gibt es heute noch, die Bürgerlichen haben es jetzt übernommen. Es heisst jetzt Freundschaftsfest. Da sitzen sie jetzt alle zusammen. Die Bürgerlichen und die integrierten Italiener, die selbstverständlich derselben Meinung sind wie die Bürgerlichen. Und irgendjemand, der einen anderen Augenschnitt hat als wir, verkauft Frühlingsrollen. Das war’s dann. Ausländerproblem… Die Schweiz hatte bereits ein Ausländerproblem, bevor sie Ausländer hatte. Nur zwei liberale Aargauer Gemeinden nahmen Schweizerinnen und Schweizer jüdischer Konfession auf. Damals waren sie die Ausländer, vor denen man sich fürchtete. Juden, Italiener, Spanier, Tamilen, Jugoslawen: Die Schweiz funktioniert offensichtlich nur dann, wenn sie Feinde hat. Feindbilder.


Die SVP sagt uns: Die Ausländer sind gefährlich, sie sind kriminell, und sie wollen sich nicht integrieren. Mir ist kürzlich Folgendes passiert: Ich sitze in einem vollbesetzten Bus. Vor mir sitzt ein etwa 45jähriger Tamile. Kein hübscher Mann. Es kommt eine schwer gehbehinderte Dame herein, gebläutes, gepflegtes Haar. Der Tamile schnellt auf und bietet der Schweizerin seinen Sitz an. Sie schaut ihn mit hasserfülltem Blick an: Was fällt diesem Kerl ein, jetzt werden diese Ausländer noch freundlich! Gesagt hat sie es nicht. Aber sie hat es signalisiert. Sie hätte den erwürgen können für seine Freundlichkeit.

Der neue Slogan der SVP für die Nationalratswahlen heisst: Schweizer wählen SVP. Sie und ich sind also gar keine Schweizer…
Das meine ich, wenn ich sage, der SVP geht es um die Macht. Und wenn sie die 51 Prozent erzielt, dann sind wir keine Schweizer mehr. Das ist so. Die SVP beansprucht schon die Schweizer Fahne für sich. Jetzt will sie die ganze Schweiz. Das ist, was auf uns zukommt. Doch in der Schweiz denkt man, Faschismus kann überall passieren, nur nicht bei uns. Diese absolute Sicherheit, dass man in diesem Land machen kann, was man will, und es passiert nichts Schlimmes, weil wir ja auch im Zweiten Weltkrieg verschont wurden, das ist schon beeindruckend. Genau dieselben Leute, die klagen, die Städte seien so unsicher geworden wegen der Schwarzen, genau dieselben Leute fühlen sich total sicher. Sie sind überzeugt, dass der Schweiz nichts passieren kann. Und vor allem dann nicht, wenn in Zürich so ein starker König Blocher aufpasst, dass nichts passiert. In 150 Jahren ist es nicht gelungen, aus den Schweizern Demokraten zu machen. Wir sind eine Demokratie ohne Demokraten mit dem Wunsch nach einem König, der dann allein die Demokratie machen soll.

Dafür manipuliert die SVP und ihre Lakaien die Medien. Blocher hatte sich das «Bündner Tagblatt» gekauft. Er hat sein Blocher-Fernsehen. Die «Weltwoche» unter Köppel ist sein Hausblatt. Und jetzt hat er auch noch die «Basler Zeitung» gekapert.
Darum und weil wir diese offensichtliche Machtäuffnung Blochers kennen, sagen wir 2x Nein zu Ausschaffungsinitiative und Gegenvorschlag. Und Ja zu gerechteren Steuern.

This entry was posted in Aufregendes, Ver-rücktes and tagged on by .

About dan

Schön besuchst du diesen Blog. Er kann ohne Verodnung gelesen werden. Trotzdem solltest du dein Hirn einschalten, um für dich das Beste daraus zu machen. Denn bedenke: Diese Einträge sind kein Reiseführer auf dem Weg zur letzten Ruhestätte, in der Absicht sicher und unbeschadet den Blog zu beerdigen. Ich für mich versuche dort schleudernd, ausgelaugt und völlig ausgemergelt zu landen, Schokolade in der einen Hand, einen Whisky in der anderen und lauthals lallen: Wow! - was für ein Blog. Deswegen schreibe ich in diesem Blog so, dass, wenn meine Hände die Tasten berühren, der Teufel schaudert und meint: Zur Hölle… jetzt schreibt er schon wieder...

6 thoughts on “Blocher will die ganze Schweiz

  1. Benedikt Zberg

    Bichsel hat den Nagel auf den Kopf getroffen. Warum hauen die anderen stets daneben und suchen lieber irgendwelche anderen Gründe? Weil sie “vernünftig sein” wollen?

  2. Adolf

    Erstaunlich was dieser Bichsel alles von sich geben kann. Und das soll angeblich ein sogenannter Schriftsteller von Format sein? In diesem seinem Geschriebe dokumentiert sich jedenfalls keine Grösse, sondern höchstens ein ungebremster Hass und Neid. Eigentlich schade, dass er nicht seiner angdichteten Grösse entsprechend vorurteilslos Stellung nehmen kann.

  3. dan Post author

    Eigentlich schade, dass die bichselkritischen Kommentare hier anonym abgegeben werden.
    Auf was dies wohl schliessen lässt?

  4. Benedikt Zberg

    Bin ganz Ihrer Meinung! Man sollte zu seinen Aussagen stehen, wenn man überhaupt etwas sagen will.
    Nachtrag zu meinem obigen Kommentar: Mit Unvernünftigen darf man nicht “vernünftig sein”. Man muss ihnen den Spiegel vorhalten. Und das macht Bichsel ganz bewusst. Das ist Teil seines Jobs als Schriftsteller, Philosoph und Zeitkritiker. Die Schweiz braucht solche Leute, die das Offensichtliche beim Namen nennen, die nicht einfach wegschauen. Um das zu sehen braucht man kein Bichsel-Fan zu sein.

Comments are closed.